Kolumne vom 13.03.2017 - Nr. 447


Paul Auster

daumen rauf

4  3  2  1

4 3 2 1

'“4 3 2 1'“ – das sind vier Variationen eines Lebens: Archibald Ferguson, von allen nur Archie genannt, wächst im Newark der fünfziger Jahre auf. „Was für ein interessanter Gedanke“, sagt er sich als kleiner Junge, „sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe.“ Im Verein mit der höheren Macht entspinnen sich nun vier unterschiedliche Versionen von Archies Leben: provinziell und bescheiden; kämpferisch, aber vom Unglück verfolgt; betroffen und besessen von den Ereignissen der Zeit; künstlerisch genial begabt und nach den Sternen greifend. Und alle vier sind vollgepackt mit Abenteuern, Liebe, Lebenskämpfen und den Schlägen eines unberechenbaren Schicksals …

Ja, „4 3 2 1“ ist Pauls Austers Opus magnum! Ein feinfühliger und weitsichtiger Gesellschaftsroman im Amerika der 1950er und 196er Jahre, ein Roman über die Familie, das Erwachsenwerden, das Lernen und die Lehren des Lebens, Freundschaft, Liebe, Glück, einfach alles, was das Leben ausmacht. „4 3 2 1“ ist ein sprachliches Husarenstück. Ich habe jeden Satz aufgesaugt. Es passiert so viel in dem Buch, jede Seite ist eine kleine Überraschung. Ich war schon nach kurzem Gast bei Archie und seinen vier Leben und wäre am liebsten noch viel länger Gast geblieben. Auch wenn das Buch über 1.250 Seiten hat, sind es doch zu wenige. Ganz klar, Paul Austers’ bester Roman!

Rowohlt, 1259 Seiten; 29,95 Euro


Kim Stanley Robinson

daumen runter

Aurora

Aurora Kim Stanley RobinsonEs ist das gewaltigste Unterfangen, dem sich die Menschheit seit Beginn der bemannten Raumfahrt je gegenübersah: die Besiedelung eines neuen Sonnensystems. Ein Raumschiff mit Kolonisten machte sich einst auf den Weg zum Tau-Ceti-System, um eine neue Heimat zu finden. Nun, Jahrzehnte später, sind sie beinahe angekommen. Doch welche Abenteuer und Gefahren werden die Menschen dort – 11,9 Lichtjahre von der Erde entfernt – erwarten? Es ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Menschheitsgeschichte …

Nachdem ich Kim Stanley Robinsons „Mars“-Trilogie sehr gut fand, dachte ich, auch sein neuer Roman „Aurora“ schließt qualitativ an diese Romane an. Doch leider ist „Aurora“ eine Enttäuschung. Derweil klingt die Story so gut, aber die Umsetzung ist einfach nur mau. Wo ist die Spannung? Diese Frage stellte ich mir sehr oft. Und wo die faszinierenden Charaktere, die einen in dieser fremden Umgebung an sich binden? Ebenso Fehlanzeige. Kim Stanley Robinson hat sicher gut recherchiert und erklärt durchaus plausibel, wie das mal alles sein könnte, aber das ändert nichts daran, dass das Buch einfach langweilig ist und auch sein Stil lädt nicht dazu ein, das Buch mit Freude zu lesen.

Heyne, 553 Seiten; 14,99 Euro


Graeme Simsion

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Der Mann, der zu träumen wagte

Der Mann der zu träumen wagteAdam Sharp fühlt sich ganz wohl, so wie er lebt. Er ist schon lange mit Claire zusammen, arbeitet als IT-Berater in London und gewinnt beim Pub-Quiz alle Musikfragen. Aber ab und zu überkommt ihn die Erinnerung an Angelina Brown. Vor über 20 Jahren, im sonnigen Melbourne, erlebte er mit ihr, was es bedeutet, wenn man die Liebe findet – und sie verliert. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er sie damals nicht hätte gehen lassen? Völlig überraschend meldet sich Angelina dann bei ihm. Warum nur? Haben die Songs doch recht, die von der ewigen Liebe erzählen? Sie lädt ihn in ihr Landhaus nach Frankreich ein. Adam muss sich fragen: wieviel Risiko darf man eingehen, wenn Träume auf einmal wahr werden könnten?

Ein beschwingter Liebesroman, bei dem es den Pop, Rock, Blues und Soul des Lebens gibt! Bestsellerautor Graeme Simsion beherrscht die literarischen Tastenanschläge, um den Leser immer in Stimmung und bei Laune zu halten. „Der Mann, der zu träumen wagte“ gewährt einem auch immer wieder einen Blick auf das eigene Leben, denn das, was Adam alles so durchlebt, da findet man sich auch immer wieder mal selbst wieder. Wie würde man entscheiden, was würde man tun, wenn man in Adams Lage wäre? Ein Gute-Laune-Roman, der auch zum nachdenken anregt!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Der große Geschichten Vorleser Johannes Steck verleiht auch diesen beschwingten Liebesroman genau die richtige Stimmung. 19,95 Euro.

Krüger, 393 Seiten; 19,99 Euro


Christopher Husberg

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Frostflamme

Frostflamme

Zwei Fischer ziehen einen schwerverletzten Mann aus dem Golf von Nahl. Noth, wie sie den Fremden nennen, weiß nicht, wer er ist. Winter ist eine junge Frau aus dem Volk der Tiellan, das gerade erst Jahrhunderten der Unterdrückung entkommen ist. Sie verliebt sich in den Fremden, aber auch sie verbirgt ein Geheimnis: Die Droge Frostflamme verleiht ihr magische Macht, die Magie zerstört sie langsam aber auch. Als die beiden am Tag ihrer Hochzeit von einem Dutzend Bewaffneter angegriffen werden, wird klar, dass er sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen muss – denn wenn er nicht herausfindet, wer er in Wirklichkeit ist, kann es für ihn keine Zukunft geben …


Ein Fantasy-Spektakel aller erster Güte! Der Amerikaner Christopher Husberg hat mit seinen „Chroniken der Sphaera“ eine prächtige Fantasy-Welt erschaffen, bei der einem auch immer wieder Gedanken an George R. R. Martin kommen. Aber Husberg hat etwas ganz eigenes erschaffen. Seine Charaktere nehmen einen schnell gefangen, in seine Welt taucht man schnell ein. „Frostflamme“ ist ein fulminanter Auftakt für diese Fantasy-Saga!

Knaur, 701 Seiten; 14,99 Euro


Stefan Keller

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Das Ende aller Geheimnisse

Das Ende aller Geheimnisse

Heidi Kamemba ist neu bei der Kripo Düsseldorf, und sie fällt auf: Sie ist die erste schwarze Kriminalkommissarin in Deutschland. Ginge es nach ihr, wäre ihre Hautfarbe kein Thema, doch leider sehen die meisten das anders. Als an ihrem ersten Arbeitstag in einem Waldstück eine verkohlte Leiche gefunden wird, nimmt sie die Ermittlungen auf, aber nicht alle im Team unterstützen sie. Während der Mörder noch gesucht wird, geben Kamembas Kollegen ihr zunehmend Rätsel auf. Es heißt, ihr Vorgänger habe sich mit seiner Dienstwaffe erschossen. Doch war es wirklich Suizid?

Eigentlich eine ganz einfache Idee, aber doch ein genialer Schachzug des Krimiautors Stefan Keller: erschaffe die erste schwarze deutsche Kriminalkommissarin! Mit diesem Schachzug wird dem Krimi gleich mehr gesellschaftliche und politische Tiefe verliehen, denn Stefan Keller setzt die Figur und alles was sie umgibt sehr gut um. Heidi Kamemba ist top, aber auch der Krimi verdient Bestnoten. Heidi Kamembas erstem Fall sollte ganz schnell der zweite folgen!

Rowohlt, 333 Seiten; 9,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Mirko Zilahy

Schattenkiller

SchattenkillerSeit Wochen schüttet der Septemberhimmel gewaltige Wassermassen über Rom aus. Nahe des Tibers werden drei Leichen entdeckt, deren Entstellungen der Polizei Rätsel aufgeben. Profiler Enrico Mancini, anerkannter Experte für Serienmorde, sieht zunächst keine Verbindung zwischen den Fällen. Doch dann erhält er verschlüsselte Botschaften, alle von einem Absender, der sich Schatten nennt. Botschaften, die ein neues Licht auf die Taten werfen. Denn ein grausamer Racheplan ist offenbar noch nicht vollendet. Und weist bald in eine einzige Richtung - in die Mancinis.

Ein Thriller-Debüt, das aufhorchen lässt! „Schattenkiller“ ist das Debüt von Mirko Zilahy, der 1974 in Rom geboren wurde. Der Thriller lässt aufhorchen wegen seiner düsteren Grundstimmung, seinen gebrochenen Charakteren und dem spannenden Aufbau der Story. Ganz überraschend ist die Auflösung dann aber nicht, als versierter Thriller-Leser hat man diese schon früher erkannt. Doch Profiler Enrico Mancini darf gerne wiederkommen. Sascha Rotermund hebt diesen Thriller dann aber noch einmal auf eine ganz andere Ebene. Die deutsche Stimme von u.a. Christian Bale, Benedict Cumberbatch und Omar Sy lässt die Story beben. Seine Lesung macht aus „Schattenkiller“ ein besseres Buch.

Auch als Paperback erhältlich bei Lübbe, 15,00 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 429 Minuten; 18,00 Euro


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