Kolumne vom 10.04.2017 - Nr. 451


Carlos Ruiz Zafón

daumen rauf

Das Labyrinth der Lichter

Das Labyrinth der Lichter

Spanien in den bleiernen Tagen des Franco-Regimes: Ein Auftrag der Politischen Polizei führt die eigenwillige Alicia Gris von Madrid zurück in ihre Heimatstadt Barcelona. Sie soll das plötzliche Verschwinden des Ministers Mauricio Valls aufklären, dessen dunkle Vergangenheit als Direktor des Gefängnisses von Montjuïc ihn nun einzuholen scheint. In seinem Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“, das Alicia an ihr eigenes Schicksal erinnert. Es führt sie in die Buchhandlung Sempere & Söhne, tief in Barcelonas Herz. Der Zauber dieses Ortes schlägt sie in seinen Bann, und wie durch einen Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia dort findet, bringen nicht nur ihr Leben in allerhöchste Gefahr, sondern auch das der Menschen, die sie am meisten liebt.

Spaniens Kultautor führt seine Weltbestseller „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“ mit „Das Labyrinth der Lichter“ einem durchschlagenden Ende zu. Carlos Riuz Zafón zu lesen ist wie ein edles Gemälde zu betrachten. Man kann sich für lange Zeit darin verlieren. „Das Labyrinth der Lichter“ ist eine Geschichte, die so leuchtend hell ist wie Vollmond in der Dunkelheit. Magisch, faszinierend, spannend, dramatisch, bunt, überwältigend. Die Figuren wachsen einem ans Herz. Man lässt sie ungern gehen. Wer große Geschichten mit einer schönen Sprache liebt, der wird auch die knapp 1.000 Seiten von „Das Labyrinth der Lichter“ lieben. Für alle Neueinsteiger: die vier Bücher können unhängig voneinander gelesen werden.

S. Fischer, 944 Seiten; 25,00 Euro


Martin Walser

daumen runter

Statt etwas oder Der letzte Rank

Statt etwas oder Der letzte Rank„Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt.“ Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle, mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. „Mir geht es ein bisschen zu gut“, sagt er sich dann, "zu träumen genügt“. So wird das Buch angepriesen. Mit dem Zusatz: Ein Musikstück aus Worten, das dem Leser größtmögliche Freiheit bietet, weil es von Freiheit getragen ist: der Freiheit des Denkens, des Schreibens, des Lebens. In anderen Worten: absolut zusammenhanglos.

Und er schreibt und schreibt und schreibt, und hat schon lange vergessen, dass er nur noch für sich selbst schreibt, aber nicht mehr, um den Leser zu unterhalten. Genau das trifft auf die letzten und vor allem auch auf dieses Werk von Bestsellerautor Martin Walser zu. Natürlich muss man den Hut ziehen, vor dem Altmeister (Jahrgang 1927) der deutschen Literatur, dass er immer noch Geschichten zu Papier bringt. Aber man sollte die Bücher bitte nicht mehr veröffentlichen. Das Cover des Buches ist absolut treffend. Dort ist nur ein Rahmen zu sehen, ohne Bild. Genau das ist das Buch, nur noch ein Rahmen, aber ohne wirklich tragende Geschichte, an der man hängen bleibt.

Rowohlt, 171 Seiten; 16,95 Euro


Daniel Cole

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Ragdoll – Dein letzter Tag

Ragdoll Dein letzter Tag Buch Der umstrittene Detective William Oliver Layton-Fawkes, genannt Wolf, ist nach seiner Suspendierung wieder in den Dienst bei der Londoner Polizei zurückgekehrt. Dann wird Wolf zu einem grausigen Tatort gerufen. Sechs Körperteile von sechs Opfern sind zusammengenäht zu einer Art Flickenpuppe, einer „Ragdoll“. Gleichzeitig erhält Wolfs Exfrau, eine Fernsehjournalistin, eine Liste, auf der sechs weitere Morde mit genauem Todeszeitpunkt angekündigt werden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, doch der Ragdoll-Mörder ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Und der letzte Name auf der Liste lautet: Detective William Oliver Layton-Fawkes ...

„Ragdoll“ – ein Thriller-Highlight mit ganz starken Figuren! Man bekommt schnell Zugang zu den Figuren, weil sie von Daniel Cole allesamt spannend beschrieben werden. Und ausbaufähig. Man ist gierig, noch viel mehr von ihnen zu erfahren. So wird der eigentliche Fall zuerst in die zweite Reihe verbannt, der dann aber immer mehr an Gewicht bekommt, und auch hier zeigt der Engländer Daniel Cole, dass er versteht, wie man einen guten Thriller schreibt. Als Leser rätselt man unweigerlich mit und fragt sich, wie kann das möglich sein, was steckt hinter allem. Eine Story, die wie ein Tornado über einen hinwegfegt! So schnell wie möglich will man den nächsten Teil der Reihe lesen!

Ragdoll Dein letzter Tag Audio
Auch als Hörbuch erhältlich bei Hörbuch Hamburg. „Tatort“-Kommissar Wolfram Koch bringt den klass Thriller mit starkem Ausdruck rüber. 19,99 Euro.

Ullstein, 476 Seiten; 14,99 Euro


Dieter Borchmeyer

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Was ist deutsch?

Was ist Deutsch

Die Frage „Was ist deutsch?“ ist ihrerseits typisch deutsch – keine andere Nation hat so sehr um die eigene Identität gerungen und tut es bis heute. Wie vielfältig und faszinierend die Antworten auf diese Frage im Lauf der Jahrhunderte ausfielen, das zeigt dieses Buch: Von Goethe über Wagner bis zu Thomas Mann schildert der Autor, wie der Begriff des Deutschen sich wandelte und immer wieder neue Identitäten hervorbrachte. Er erzählt von einem Land zwischen Weltbürgertum und nationaler Überheblichkeit, vom deutschen Judentum, das unsere Auffassung des Deutschen wesentlich mitgeprägt hat, von der Karriere der Nationalhymne und der deutschesten aller Sehnsüchte: der nach dem Süden.

Sie wollen Deutschland und die Deutschen verstehen? Dann lesen Sie „Was ist deutsch?“ Dieter Borchmeyer nimmt einen mit auf eine kulturhistorische Identitätsreise durch ein Land, das man zu kennen glaubte und es plötzlich mit ganz neuen Augen sieht. Deutschland ist so viel mehr! Die Themenbereiche sind so vielfältig und reichen von „Das Deutsche im Spannungsfeld von Provinz, Nation und Welt“ bis „Nationale Identität und deutsche Mythologie“ bis „Das Paradigma der deutschen Musik“ bis hin zu „Die Deutschen seit der Wiedervereinigung“. Doch ist das nur ein kleiner Auszug aus diesem mächtigen Werk.

Rowohlt Berlin, 1.056 Seiten; 39,95 Euro


Johannes Bobrowski

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Gesammelte Gedichte

Johannes Bobrowski - Gesammelte Gedichte

Als im Februar 1961 Johannes Bobrowskis erster Gedichtband „Sarmatische Zeit“ erschien, hatte der Schriftsteller nur noch wenige Jahre zu leben. Doch die knappe Zeit reichte ihm aus, um sich bis zu seinem Tod 1965 als einer der suggestivsten und bildkräftigsten Lyriker der deutschen Nachkriegsjahrzehnte zu etablieren. Obwohl in der DDR lebend, stießen seine Texte in beiden Teilen Deutschlands auf Anerkennung: Man machte in ihnen eine neue Art aus, sich zur Welt zu verhalten; seine Themen und Sprachgesten fanden in Lyrik und Prosa anderer Autoren ein vielfältiges Echo.

Am 9. April 2017 wäre Johannes Bobrowski 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass bringt DVA die „Gesammelten Gedichte“ in einem Band heraus. Man verliert sich in Johannes Bobrowskis Sprache! Ein prächtiger und mächtiger Lyrikband, von dem man lange etwas hat. Gut 600 Seiten voller berauschender, bedrückender, lebensfroher, melancholischer Gedichte. Darin schwingt natürlich auch Johann Bobrowskis Leben mit, der 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war.

DVA, 752 Seiten; 34,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Helen Callaghan

Dear Amy

Dear Amy hoerbuchDie Lehrerin Margot Lewis ist beunruhigt, als ein 15-jähriges Mädchen aus ihrer Klasse verschwindet. Sie ist überzeugt, dass Katie entführt wurde, auch wenn die Polizei dafür noch keinerlei Beweise hat. Dann erhält Margot, die nebenbei die Ratgeber-Kolumne „Dear Amy“ führt, einen unheimlichen Brief: Darin fleht ein Mädchen um Hilfe, das vor 15 Jahren spurlos verschwand. Ein Graphologe bestätigt die Echtheit des Briefes – und dass er nagelneu ist. Margot, deren Gemütszustand sich verschlechtert, lassen die Fälle nicht mehr los, sie will unbedingt helfen. Doch was verschweigt sie selbst?

„Dear Amy“ ist ein Psychothriller, der flott beginnt, dann aber nur langsam wieder an Fahrt gewinnt. Das letzte Drittel bietet dann aber viele spannende Momente und auch einige Überraschungen. Helen Callaghan hat mit Margot Lewis eine starke Hauptfigur geschaffen, die die Handlung auch sehr dominiert. Wer es weniger blutrünstig und überraschend mag, dem sei der Psychothriller „Dear Amy“ empfohlen! Christiane Marx liest ruhig, wenn es sein muss, und dramatisch, wenn die Geschichte es erfordert.

Dear Amy Paper

Auch als Paperback erhältlich bei Knaur, 14,99 Euro

Argon Hörbuch, 6 CDs, 463 Minuten; 19,99 Euro


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