Kolumne vom 06.03.2017 - Nr. 445


Butz Peters

daumen rauf

1977 – RAF gegen Bundesrepublik

1977--RAF-gegen-Bundesrepublik

1977 erreichte der Linksterrorrismus der Roten Armee Fraktion in der Bundesrepublik eine bislang unbekannte Dimension. Mit den Morden an Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer sowie der Entführung des Passagierflugzeugs „Landshut“ tritt eine zweite, zu äußerster Brutalität entschlossene Generation der RAF auf den Plan. Zugleich setzt mit den Selbstmorden von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stammheim die erste Generation einen die Republik erschütternden Schlusspunkt. Vor dem Hintergrund der Entstehung der Terrororganisiation und mit Blick auf die weiteren Anschläge bis zur Selbstauflösung, davon erzählt dieses Buch.

Butz Peters ist einer der ausgewiesenen Kenner der RAF und seiner Geschichte. Wie kein anderer ist er seit Jahrzehnten tief mit dem Thema verwurzelt. In den letzten Jahren hat sich fast der ganze Nebel, über das, was zum Thema RAF noch im Dunkeln lag, gelichtet. Mit „1977 – RAF gegen Bundesrepublik“ präsentiert Butz Peters nun die aktuellsten Fakten zur RAF, seinen Mitgliedern, ihrer Taten, den Hintergründen, den Jägern, bis zum Ende. Er hat dazu über eine halbe Millionen Seiten für seine Recherche herangezogen. Butz Peters kommt immer schnell auf den Punkt, handelt alles in prägnanten Kapiteln ab, so dass das Buch nie langweilig wird und sich oft wie ein spannender Thriller liest. Erweiternd zu diesem Buch ist von Butz Peters bei Knaur auch erschienen: „Hundert Tage – Die RAF-Chronik 1977“.

Droemer, 576 Seiten; 26,99 Euro


Ernst-Wilhelm Händler

daumen runter

München

MünchenThaddea, Anfang 30, sehr wohlhabend, hat ihr Leben unter Kontrolle. Sie besitzt zwei Häuser in Grünwald und Schwabing und setzt ihre ersten Schritte in ein Leben als freie Therapeutin. Doch als ihre beste Freundin Kata sie mit ihrem Freund Ben-Luca betrügt, stürzt sie in ein Gefühlschaos. Sie beschließt, sich von beiden zu trennen, und nähert sich stattdessen Pimpi an, Ben-Lucas bestem Freund. Sie besucht Empfänge und Events der Münchner Society. Der Schmerz bleibt. Sie beginnt zu erkunden, wo das eigene Ich die Welt berührt.

„Meine Romane sind Experimente. Wenn ich schon vorher wüsste, wie sie ausgehen, würde ich sie nicht schreiben.“ Das sagt Ernst-Wilhelm Händler selbst über seine Romane. Solch ein Satz kann nur von einem Autor kommen, der in Wirklichkeit keiner ist. Der erstmal lernen muss, wie man einen Roman schreibt. Von einem selbstverliebten Autor, der mehr für sich schreibt, als für seine Leser. Und genau das trifft alles auf „München – Gesellschaftsroman“ zu. Was hab ich mich gefreut auf diesen Roman. Ein Roman über München und wie es dort in gewissen Kreisen so abläuft, das stellte ich mir unter „München – Gesellschaftsroman“ vor. Doch sogar schon beim Titel zeigt einem der Autor, dass er nur bedingt Ahnung davon hat, wie man einen guten Roman schreibt. Und solch ein Roman landet dann auch noch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Das zeigt auch deutlich die Qualität dieser Jury. Es gibt in Deutschland so viele gute Autoren, und dann wird so eine wirre, selbstverliebte und sich nicht von der Stelle bewegende Prosa für den Deutschen Buchpreis in Betracht gezogen.

S. Fischer, 350 Seiten; 23,00 Euro


Scott Bergstrom

daumen rauf

Cruelty – Ab jetzt kämpfst du allein

 Vor zehn Jahren wurde Gwens Mutter ermordet, nur ihren Vater hat sie noch. Doch kurz nachdem er zu einer Geschäftsreise nach Paris aufgebrochen ist, stehen zwei Unbekannte vor Gwens Tür und erzählen eine unglaubliche Geschichte: Ihr Vater ist eigentlich CIA-Agent – und bei einem Einsatz spurlos verschwunden. Wurde er entführt? Wollte er dem Geheimdienst den Rücken kehren? Als die Ermittlungen eingestellt werden, macht Gwen sich selbst auf die Suche. Eine gefährliche Reise über mehrere Kontinente beginnt. Und Gwen erkennt: Wenn man seine Gegner besiegen will, muss man mindestens so hart und grausam werden wie sie!

„Cruelty“ – überraschend, klug, innovativ – ein Thriller wie ein Blitzeinschlag. Scott Bergstrom hat einen Thriller geschrieben, der weit abweicht vom Üblichen. Er erfindet mit „Cruelty“ das Genre zwar nicht neu, aber ihm gelingt es immer wieder zu begeistern. Allen voran liegt das an der jungen Hauptfigur der Gwendolyn Bloom. Sie ist eine Figur, die einen schnell an sich bindet. Ihre Entwicklung verfolgt man mit großem Interesse und ist gierig darauf zu wissen, ob sie allen Schwierigkeiten trotzen kann, in die sie schlittert. „Cruelty“ bietet jede Menge Spannung, Action, verschiedene Settings, es wird eine Menge geboten.

Rowohlt Polaris, 429 Seiten; 14,99 Euro


Frances Hodgson Burnett

daumen rauf

Die Liebenden von Palstrey Manor

Die Liebenden von Palstrey Manor

Die 34-jährige Emily Fox-Seton, aus vornehmer, aber längst verarmter Familie, schlägt sich in London durch, indem sie für adelige Herrschaften vertrauliche Aufträge und Besorgungen jeder Art ausführt. Durch einen Schachzug ihrer Auftraggeberin Lady Maria Bayne lernt sie deren Cousin Lord Walderhurst kennen, einen reichen Witwer, der sich prompt in Emily verliebt und um ihre Hand anhält. Mit der Hochzeit erfüllen sich Emilys kühnste Träume, zumal sie dem Lord einige Monate später den lang ersehnten Erben schenken wird. Doch Emilys Glück ruft jede Menge Neider auf den Plan ...


Frances Hodgson Burnett (1849 – 1924) hat auch noch andere Romane außer „Der kleine Lord“ geschrieben, über 40. „Die Liebenden von Palstrey Manor“ ist eines davon. Der Originaltitel lautet „The Making of a Marchioness“, was den Inhalt des Buches weit besser trifft. Denn es dreht sich auch in charmanter Form darum, wie Emily und Lord Walderhurst ein Paar werden. Aber Emily und ihre Entwicklung zur „Marchioness“ steht doch im Laufe der Geschichte voll im Mittelpunkt. Der Roman besteht so aus zwei unterschiedlichen Teilen, die beide ihre eigenen Reize haben. „Die Liebenden von Palstrey Manor“ wurde das erste Mal 1901 veröffentlicht, dann neu entdeckt 2001. Ein charmant-spannender Klassiker, den man sich nicht entgehen lassen sollte!

Manhattan, 350 Seiten; 18,99 Euro


Gregory David Roberts

daumen rauf

Im Schatten des Berges

Im Schatten des Berges

In „Shantaram“ wurde die Geschichte von Lindsay Ford, dem Australier, der aus dem Gefängnis ausbrach, in Mumbai untertauchte, als Arzt im Slum arbeitete und um die Liebe seines Lebens kämpfte, erzählt. Lindsay Ford wurde zu Shantaram, und die Stadt Mumbai zu seiner Heimat. Am Ende verlor er einen Menschen, den er über alles liebte, wie einen Vater verehrte: den Mafiaboss Khaderbhai. Zwei Jahre sind seitdem vergangen, und seit Khaderbhai nicht mehr da ist, bekämpfen sich die verschiedenen Gangs der Stadt immer unerbittlicher, die Gewalt eskaliert. Auf der Suche nach einem Ausweg begegnet Lin einem heiligen Mann, der alles infrage stellt, was Lin zu wissen glaubte. Am liebsten würde er die Stadt verlassen, ein neues Leben beginnen. Doch zwei Dinge halten ihn zurück: Karla, seine große Liebe, und ein fatales Versprechen, das er nicht brechen kann ...

„Im Schatten des Berges“ ist die Fortsetzung des Bestsellers „Shantaram“, der weltweit für großes Aufsehen sorgte. Gregroy David Roberts Leben hat schon etwas von einem Hollywood-Film – Raubüberfälle, Gefängnis, Flucht, wieder Gefängnis und dann Weltbestsellerautor. Der Mann hat viel erlebt, das drückt sich auch in seinen beiden Romanen aus. Wuchtige Werke mit über 2.000 Seiten und einer sagenhaft guten Geschichte. Wer „Shantaram“ gelesen hat kommt an „Im Schatten des Berges“ nicht vorbei. Man will unbedingt wissen, wie es mit Lindsay Ford weitergeht.

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. Jürgen Holdorf präsentiert beide Romane, „Shantaram“ und „Im Schatten des Berges“, in einer prächtig vorgetragenen Lesung. 29,99 Euro.

Goldmann, 989 Seiten; 26,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Robert Harris

Konklave

KonklaveDer Papst ist tot. Die um den Heiligen Stuhl buhlenden Gegner formieren sich: Traditionalisten, Modernisten, Schwarzafrikaner, Südamerikaner ... Kardinal Lomeli, den eine Glaubenskrise plagt, leitet das schwierige Konklave. Als sich die Pforten hinter den 117 Kardinälen schließen, trifft ein allen unbekannter Nachzügler ein. Der verstorbene Papst hatte den Bischof von Bagdad im Geheimen zum Kardinal ernannt. Ist der aufrechte Kirchenmann der neue Hoffnungsträger in Zeiten von Krieg und Terror – oder ein unerbittlicher Rivale mit ganz eigenen Plänen? Die Welt wartet, dass weißer Rauch aufsteigt ...

Macht, Gier, Neid, Vorteilnahme, Protz, Prunk. In „Konklave“ entlarvt Bestsellerautor die hässliche Fratze des Vatikan und seiner „göttlichen Entsandten“. Sicher spitzt Robert Harris manches zu, aber vieles beruht sicher auf Wahrheit, bei so einem akribischen Rechercheur wie Robert Harris einer ist. Und dann bekommt man bei dem Gedanken an den oberen Zirkel der Kirche Magengeschwüre. Im letzten Teil des Buches, sprich auf der letzten CD, überschlagen sich dann die Ereignisse. Hier wartet Robert Harris mit zahlreichen Wendungen auf, die nicht zu vermuten waren. Frank Arnold bringt die verschiedenen Stimmungen des Buches sehr gut rüber. Es entwickelt sich von einem Roman zu einem Thriller, und diesen Schritt vollzieht Frank Arnold auch mit seiner Lesung.

Auch als Hardcover erhältlich bei Heyne, 21,99 Euro.

Random House Audio, 6 CDs, 465 Minuten; 19,99 Euro


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