Aktuelle Kolumne vom 16.01.2017 - Nr. 438


Judith Lennox

daumen rauf

Die Frau des Juweliers

Die Frau des Juweliers

Kairo, 1938: Wir werden uns lieben, denkt Juliet, als sie den reichen englischen Juwelier Henry Winterton heiratet und mit ihm nach England geht. Sofort empfindet sie das Herrenhaus Marsh Court als ihr neues Zuhause. Doch ihre Heirat soll sich als großer Fehler herausstellen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird alles noch schlimmer. Plötzlich schwelgen die Wintertons nicht mehr in Luxus, und Juliet kämpft um das Überleben der Familie. In ihrer Verzweiflung und ihrem Hunger nach Liebe lässt sie sich auf eine Affäre mit dem charismatischen Gillis ein. Doch ihn umgibt ein Geheimnis, das ihr Leben zerstören könnte.

Judith Lennox’ Geschichten nehmen einen schnell für sich ein. Voller Eleganz und Hingabe beschreibt sie das Geschehen und ihre Figuren. „Die Frau des Juweliers“ reiht sich vollkommen in die klasse Geschichten von Judith Lennox ein. Die Story beginnt ruhig, aber sie kommt dann schnell in Gang und man ist gefesselt von Juliets Weg. Wie sie die Ehe erträgt und trotzdem nicht restlos verzweifelt, wie sie sich den veränderten Umständen anpasst und versucht, irgendwie das Beste herauszuholen. Eine Familiengeschichte, die von 1938 bis 1966 reicht. Judith Lennox gehört zu den weltbesten Autorinnen gehobener Unterhaltungsliteratur!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Osterwold Audio. Cathlen Gawlich entführt einen mit ihrer Stimme prächtig in die damalige Zeit! 19,99 Euro.

Pendo, 527 Seiten; 19,99 Euro


Arnold Stadler

daumen runter

Rauschzeit

RauschzeitAlain und Mausi, beide vierzig, sie sind seit 15 Jahren verheiratet, nicht nur ihr Leben, auch die Liebe ist in die Jahre gekommen. Im Juni 2004 stirbt überraschend die gemeinsame Freundin Elfi. Bei beiden reißen alte Wunden auf. Elfi, das war eine Freundin aus den Tagen der Freiburger Wohngemeinschaft mit Alain, Mausi, Justus, Inge, Toby und Babette. Elfi, das war eine lebenslustige und sterbenstraurige Fotografin, deren einziges Sujet die Männer waren, auch Alain. Aber was hat die Zeit seitdem aus ihnen gemacht? Justus und Inge sind Spießer geworden, Norbert ist an Aids gestorben, Toby spurlos verschwunden. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre nach dem Sommer von 1983, begegnet Alain in Köln seiner großen Liebe Babette wieder, und Mausi verliebt sich in Berlin in einen blonden Dänen, der sich in der Oper neben sie setzt.

Drei Jahrzehnte, so lange schreibt Arnold Stadler schon sehr gute und sehr schlechte Romane. In dieser Zeit hat er einige kleinere Literaturpreise gewonnen, „Rauschzeit“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016. Ich war sehr gespannt auf „Rauschzeit“, denn die Story verspricht ein berauschendes Leseerlebnis, in dem es um die Ehe, die Liebe, die verlorene Zeit im Leben geht. Das bekommt man auch, aber in schleppenden, teils unlesbaren Dosen serviert. Arnold Stadler verplappert sich ein ums andere Mal, die Story bewegt sich so nur schleppend vom Fleck und man hofft bald nur noch auf eines: das Ende. Arnold Stadler findet einen eigenen Stil, eine eigene Sprache, ja, aber das ist weder berauschend noch leserfreundlich.

S. Fischer, 548 Seiten; 26,00 Euro


Nina Sahm

daumen rauf

Das ganze Leben da draußen

Das ganze Leben da draußen Elín ist ein besonderes Mädchen – eigenwillig, verträumt und wie aus der Zeit gefallen. Sie entfernt sich immer mehr von ihren Altersgenossen und folgt in jeder freien Minute den Fährten eines jungen Fuchses, der in der Umgebung von Reykjavik aufgetaucht ist. Selbst ihre Lehrerin Alfa dringt nicht zu ihr durch, obwohl auch diese eine ziemliche Außenseiterin ist. Ihre Welt hat einen Sprung bekommen, seit ihr großes Vorbild – ihr Großvater Magnús – sich das Leben genommen hat. Alfa würde am liebsten der Realität entfliehen und die Welt neu entdecken. Und so brechen die beiden jungen Frauen gemeinsam aus und begeben sich auf eine sehr eigene Reise jenseits von gesellschaftlichen Vorstellungen und Idealen.

So schrecklich und antiquiert Arnold Stadler erzählt, so frisch und forsch erzählt Nina Sahm. Sie holt nicht, wie Arnold Stadler, eine Seite aus, bis sie auf den Punkt kommt, sondern bei ihr bedeutet jeder Satz ein Fortbewegen der Geschichte, ein Fortbewegen der Charaktere. Bei „Das ganze Leben da draußen“ kommt man schnell in einen Leserausch und will wissen, wie es mit den Figuren weitergeht, was sie denken, was sie fühlen. Dabei ist die Geschichte keine leichte, beide, Elín und Alfa, sind Frauen, die ihren ganz eigenen Weg im Leben suchen. Dass der Roman in Island spielt ist eigentlich nur eine Randerscheinung, da man als Leser sehr fokussiert auf die beiden Hauptfiguren ist. Nina Sahm schreibt eine Geschichte die man fühlt, und beschreibt Figuren, mit denen man mitfühlen kann.

Droemer, 287 Seiten; 14,99 Euro


Hamed Abdel-Samad

daumen rauf

Der Koran

Der Koran

Die Bürgerkriege innerhalb der islamischen Welt und die Konfrontation mit dem Westen sind die Grundkonflikte unserer Zeit. Im Koran selbst liegen die Wurzeln dieser Auseinandersetzungen, denn einerseits birgt er eine Botschaft der Toleranz und des Mitgefühls, andererseits ist er ein religiöser Text, der Brutalität und Mord legitimiert. Dieser Widerspruch rührt von der Person und dem Leben Mohameds her, dem anfangs friedlichen Prediger und späteren Warlord.

Der gebürtige Ägypter Hamed Abdel-Samad öffnete uns Deutschen die Augen, wenn es um Mohamed, den Islam und nun auch den Koran geht. Der Bestsellerautor erklärt in klarer Form die Botschaften der Liebe und des Hasses aus dem Koran. Man bekommt als Leser so einen schnellen Überblick über entscheidende Suren, die meist Auslegungssache sind. Wenn man ein böser Mensch ist, kann man danach auch böses tun. Hamed Abel-Samad ist vor allem unter den Muslimen ein streitbarer Autor, doch er spricht an, was gesellschaftlich unbedingt offen diskutiert werden muss. In einem freien Land wie unserem ist das selbstverständlich und sehr wichtig.

Droemer, 236 Seiten; 19,99 Euro


Philippe-Joseph Salazar

daumen rauf

Die Sprache des Terrors

Die Sprache des Terrors

Worte können unzählige Menschen zu Taten antreiben, wie man an der Propaganda der Dschihadisten sehen kann. Der Dschihadismus bedient sich einer schlagenden Redekunst, die jedoch nichts mit dem zu tun hat, was wir in der Politik für logisch, vernünftig und überzeugend halten. Wollen wir den Kampf mit dem IS aufnehmen, müssen wir verstehen, worin die Wortgewalt und Überzeugungskraft seiner Sprache besteht. Und – falls man es bei den Waffen der Worte belassen will – islamisch denken, sprechen und argumentieren.

Philippe-Joseph Salazar, in Casablanca geboren, jetzt in Kapstadt als Professor für Rhetorik tätig, hat sich mit dem Phänomen der Sprache der Dschihadisten auseinandergesetzt. Oft nur durch Worte und auch durch die Bildsprache werden die Kämpfer abgeworben und stellen sich bereitwillig dem Todeskampf gegen den Westen. Dieses Buch beleuchtet viele Aspekte dieser rhetorischen Gewaltmacht. Man erfährt Dinge, die bei einem normalen zivilen Denken, schier unglaublich scheinen.

Pantheon, 223 Seiten; 14,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Paulo Coelho

Die Spionin

Die SpioninWer ist die Frau hinter dem schillernden Mythos? Paulo Coelho schlüpft in ihre Haut und lässt sie in einem fiktiven, allerletzten Brief aus dem Gefängnis ihr außergewöhnliches Leben selbst erzählen: vom Mädchen Margaretha Zelle aus der holländischen Provinz zur exotischen Tänzerin Mata Hari, die nach ihren eigenen Vorstellungen lebte und liebte und so auf ihre Art zu einer der ersten Feministinnen wurde. Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, lässt sie sich auf ein gefährliches Doppelspiel ein.

Weltbestsellerautor Paulo Coelho wendet sich der weltbekannten Geschichte der Mata Hari zu. Und er macht das sehr prägnant, schwungvoll und lässt es an Spannung nicht vermissen. In „Der Spionin“ erfährt man die wichtigsten Stationen aus Margarethe Zelles Leben. Als Leser und Hörer ist man durchaus zufrieden. Doch es gibt auch Kritik, denn aus dem Leben der Mata Hari hätte man einen viel größeren, viel bunteren, viel spannenderen Roman machen können. Das Hörbuch dauert zweihundert Minuten, Mata Haris Leben hätte Stoff für 800 Minuten hergegeben. Gelesen wird „Die Spionin“ von Luise Helm. Sie ist Mata Hari, und spricht sie gefährlich kühl und berechnend. Eine klasse Vorstellung! Sven Görtz spricht den männlichen Part, den Anwalt von Mata Hari. Seine Lesezeit ist eher kurz.

Auch als Hardcover erhältlich bei Diogenes, 19,90 Euro.

Diogenes Hörbuch, 3 CDs, 203 Minuten; 19,99 Euro


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